Rezeptive Kompetenzen modularisiert

 

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Lesekompetenz in nahverwandten Sprachen

Lesekompetenz in einer L3 ist von den klassischen Kompetenzen am schnellsten zu erreichen. Beim Leseprozess läßt sich die Zeit zum Reflektieren anhalten. Man kann den Erschließungsprozess beim Lesen eines Textes selber kognitiv steuern. Lesen ist ein alltäglicher Vorgang, der visuelle sprachliche  Eindrücke mit situativem, kontextuellem und außersprachlichem Wissen kombiniert. Lesekompetenz hat überdies heute eine neue Wertigkeit durch die Entwicklung der neuen Medien erhalten. Das Internet bringt ein zwangloses Umgehen mit geschriebener Sprache mit sich. Texte in fremden Sprachen sind weltweit zugänglich und liefern die Basis für Informationen, die weltweit nutzbar sind. Die Grundlagen für den weltweiten Informations-austausch, für den damit verbundenen kulturellen wie wirtschaftlichen Austausch und die damit verbunden Konventionen und rechtlichen Vorstellungen werden in geschrie-bener Sprache ausgetauscht. Schriftlichkeit gewinnt ein neues Gewicht. Die Lesekompetenz wird somit zum wichtigsten Einstieg in die rezeptive Kompetenz.

Hörverstehen in nahverwandten Sprachen

Die Lesekompetenz darf nicht streng getrennt von der zweiten rezeptiven Kompetenz, vom Hörverstehen, gesehen werden. Unsere Schriftsysteme dokumentieren die historischen Versuche,  gesprochene Sprache in lautdarstellende Schreibkonvention umzu-setzen. Dabei wird eine Menge historischer Konventionen in Form von orthographischem Ballast transportiert, der allerdings auch wertvolle Hinweise auf die gesprochene Sprache geben kann. Im Extremfall funktioniert die Sprache nach zwei unterschiedlichen Systemen: Das geschriebene Französisch etwa ist im Rahmen der roma-nischen Schreibkonventionen als  sprach-geschichtliches Wandelprodukt des Latei-nischen erkennbar und ist daher panromanisch erschließbar.  Die gesprochene Sprache ist wesentlich weiter von den panromanischen Gemeinsamkeiten entfernt und weist auch andere typologische Merkmale auf. Sprachen, die an zwei typologischen Systemen partizipieren, sind besonders prädestiniert zur Brückensprache innerhalb einer verwandten Gruppe. Der Erwerb der Hörkompetenz muss frühzeitig mit der Lesekompetenz einhergehen, denn häufig führt erst die richtige Aussprache einer Schreibkonvention zu ihrer kognitiven Erschließung: Das rumänische Wort «meci» führt - auch im Kontext einer Sportbericht-erstattung - erst über die Kenntnis der (dem englischen Originalwort ähnlichen) Aussprache zum Internationalismus «match». Die modulare Vermittlung von Lesekompetenz schließt daher zwangsläufig Grundelemente der Orthoepie (korrekte Aussprache) mit ein, um den Erschließungsprozess zu unterstützen und das Hörverstehen vorzubereiten. Während das rezeptive Leseverstehen, bedeutungstragende Elemente differenziert, referentielle Beziehungen herstellt  und  über  Transfer-leistungen Bedeutungen erfasst sowie komplexe Strukturen erschließt und dabei retrokorrektive wie proaktive Zugriffe durch beliebig viele kognitive Prozesse ermöglicht, steht beim Hörverstehen nur ein relativ kleines Zeitfenster für die kognitive Rezeptionsverarbeitung zur Verfügung.  Die Technik des Inferierens umfasst beim Hörverstehen neben den textanalytischen Prozessen auch den phonotaktischen und prosodischen Paradigmenvergleich, der auf Grund des engen Zeitfensters erheblichen Kapazitäts-beschränkungen unterliegt.  Hier ist für die Mehrsprachigkeitslinguistik und Didaktik noch erheblicher Forschungsbedarf anzumelden, beziehen sich doch die bisheri-gen Forschungen zum Hörverstehen nicht auf die vorhandenen Materialien zu nahverwandten Idiomen:
In einem relativ begrenzten  Zeitfenster erfordert die auditive Interkomprehension   im Rahmen der gesprochenen Kette der Zielsprache eine beschleunigte Segmentierung von phonetischen und prosodischen Signalen, die ein kognitives Inferieren ermöglichen. Genau an diesem Punkt zeigt sich, warum dialektal stark gegliederte Sprachen (Chinesisch, Arabisch) ohne die abstrahierend-verbindende Funktion einer interkomprehensiven Schrift nicht aus-kommen können. Dies unterstreicht außerdem die Option für das Französische als ideale Ausgangssprache für die innerromanische Interkomprehension.

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Von der Rezeptivität zu Produktivität

Auf der Basis rezeptiver Kompetenzen lassen sich interlinguale Verzahnungen von Lern-strategien, Wortschatz und Grammatik in einer verwandten Sprachgruppe besonders leicht bewusst machen. Modularisierte rezeptive Kom-petenzen führen zu einem breit angeleg-ten Mehrsprachigkeitsdepot, mit dem sich im Bedarfsfalle beschleunigt produktive Kom-petenzen entwickeln lassen. Kein junger Europäer kann heute wissen, in welches Sprachgebiet ihn sein Berufsleben führen wird. Mehrsprachigkeitsmodule für Sprachgruppen sind die Basis für eine Mehrsprachigkeit nach Bedarf. Auf ihrer Basis kann der Lerner in kürzester Zeit im jeweiligen Zielland weitere Kompetenzen entwickeln, verfügt er doch bereits über die Lesekompetenz.
Die neuere L3-Forschung im Rahmen der linguistischen Kognitionsforschung geht davon aus, dass die automatisch wie auch kontrolliert ablaufenden Sprachverarbreitungsprozesse im mentalen Sprachzentrum mehrsprachiger Individuen mit Transferprozeduren arbeiten, die einer kognitiven Kontrolle unterliegen. Bei den Formulierungsprozessen, die sich auto-matisch mit der Kognition einstellen, scheint das mentale Lexikon zwischen der durch den rezeptiven Leseprozess entwickelten Kon-zeptualisierung und der systemimmanenten Versprachlichung (grammatikalisch-lautliche Struktur) eine entscheidende Rolle zu spielen. So scheinen Mehrsprachige nur überein  mentales Lexikon zu verfügen, aus dem heraus sie sozusagen lexicon-driven sprachliche For-mulierungsprozesse einleiten. 
Eine Modularisierung rezeptiver Kompe-tenzen führt somit nicht nur zu den Modulen der Lesekompetenz und zum Hörverstehen, sie bereitet vielmehr über den durch Transfer-materialien gelenkten Aufbau eines zentralen mentalen Lexikons  darauf vor, Mehr-sprachigkeit sprachproduktiv zu erreichen.
Hier setzt die Arbeit der Forschergruppe EuroCom an: Über transferbasierte Lese-kompetenz in nahverwandten Sprachen soll die Grundlage für eine effiziente europäische Mehrsprachgkeit geschaffen werden.




© Prof. Dr. Horst G. Klein, Sprecher der Forschergruppe EuroCom